Der Sieg des Pöbels über das bessere Argument

Ich bin ein großer Freund der Transparenz. Ich finde es prinzipiell gut, dass wir gerade durch die Bündelung von menschlichen Ressourcen (neudeutsch Crowd) in der Lage sind viel mehr Dinge öffentlich bekannt zu machen, als das vor Jahren noch möglich war. Ich finde es auch gut, dass die Macht der Presse relativiert wird und dass die Auswahl über die Veröffentlichung von Informationen nur noch sehr schwer zu steuern ist. Selbst gut organisierte Diktaturen haben große Schwierigkeiten Informationsverbreitung zu unterbinden.

Meine große Hoffnung, dass mit der Erhöhung der Transparenz auch die Demokratie stärker in den Alltag der Menschen integriert wird, hat sich jedoch bisher nicht erfüllt. Zugegebener Weise war diese Hoffnung auch äußerst naiv. Insbesondere habe ich die Macht des Pöbels unterschätzt.

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Die Qual der Wahl

Dieses Jahr fällt mir persönlich die Wahl ausgesprochen schwer. Die Parteien plakatieren allesamt fleißig inhaltliche Leere. Man hat das Gefühl, die neue Brause, bei welcher der Fruchtzucker bei den Kalorien mit zählt (oder wie war die Werbelüge nochmal?), stünde gleichberechtigt neben den Parteien zur Abstimmung. Gehen wir sie kurz durch: Weiterlesen

Kreuzritter kurz vor Berlin

Da dachte man jahrzehntelang das Mittelalter sei vorbei, das Zeitalter der Vernunft habe begonnen, das Denkenhabe endlich den Platz eingenommen, den es verdient…und dann das:

Eine Koalition aus Konservativen und Kirchenpersonal hat sich zu einem neuen Kruezzug aufgeschwungen. Vor Jahren schon begann die leidliche Debatte von Seiten der Kreationisten, die die Schöpfungsgeschichte in den Biologieunterricht integrieren wollten. Das scheinheilige Argument seinerzeit war, dass auch der Darwinismus nicht zu beweisen wäre. Dieses Argument offenbart freilich schon die Verweigerung eines modernen Wissensbegriffes in manchen Betonköpfen. Seit mittlerweile etwas mehr als hundert Jahren hat sich in den Wissenschaften ein Verständnis von wissenschaftlicher Theorie durchgesetzt, welches der Idee der absoluten Gewissheit abschwört. Eine Theorie gilt als richtig, sofern sie

  1. plausibel ist
  2. Vorhersagen macht, die überprüfbar
  3. nicht widerlegt ist.

Gerade der letzte Punkt macht deutlich, das die Richtigkeit einer Theorie immer nur vorläufig ist. Besonders prominente Beispiele für die Entwicklung von Theorien sind beispielsweise das Atommodell oder die Mechanik.

Doch zurück zum Thema. Der erste Anlauf der Kreationisten, die nächste Generation zu verdummen, ist glücklicherweise bisher gescheitert. Doch eine fallende Macht wehrt sich lange. So haben jetzt im schönen Berlin, Menschen, denen man sicherlich unterstellen könnte, einen Kirchenstaat anzustreben, für ein Volksbegehren eingesetzt, welches den Religionsuntericht auf eine Stufe mit dem Ethikunterricht stellen will. Nun gibt es natürlich eine interessante Paralelle zum oben beschriebenen Fall: Die Ethik ist eine Disziplin der Philosophie und misst sich an wissenschaftlichen Maßstäben. Die Religion dagegen ist eine Frage des Glaubens und misst sich meist an jarhunderte alten Schriften – erhaben jeder Kritik.

Es ist eine Errungenschaft Berlins seinen multinationalen Bewohnern ein gemeinsames Schulfach als Pflichtfach zu bieten, in welchem über die Maßstäbe der Moral diskutiert werden kann und in denen sich Schüler und Schülerinnen unterschiedlichsten Glaubens in diesem, für das Zusammenleben so entscheidenden Themenbereich treffen. Dies zu unterbinden wäre der größte Schritt in Richtung Mittelalter, den die Hauptstadt in letzter Zeit gemacht hat. Perfider weise nennt sich die Innitiative „Freie Wahl“, obwohl die freiwillige Wahl des Religionsunterrichts ja immer möglich war. Daher gilt es am nächsten Sonntag den rückschrittlichen Einfluss der Kirche zurückzudrängen und mit einem klaren „Nein“ das Volksbegehren abzuwehren.

Angebracht wäre die Forderung die Trennung von Kirche und Staat weiter voranzutreiben und dafür an den entsprechenden Stellen Gesetz und Verfassung zu ändern. Die Eintreibung der Kirchensteuer durch den Staat ist ein Unding, die von unseren Steuergeldern finanzierte Beschäftigung von Religionslehrern ein weiteres. Ich plädiere dafür den Glauben als reine Privatsache zu behandeln.