Der Sieg des Pöbels über das bessere Argument

Ich bin ein großer Freund der Transparenz. Ich finde es prinzipiell gut, dass wir gerade durch die Bündelung von menschlichen Ressourcen (neudeutsch Crowd) in der Lage sind viel mehr Dinge öffentlich bekannt zu machen, als das vor Jahren noch möglich war. Ich finde es auch gut, dass die Macht der Presse relativiert wird und dass die Auswahl über die Veröffentlichung von Informationen nur noch sehr schwer zu steuern ist. Selbst gut organisierte Diktaturen haben große Schwierigkeiten Informationsverbreitung zu unterbinden.

Meine große Hoffnung, dass mit der Erhöhung der Transparenz auch die Demokratie stärker in den Alltag der Menschen integriert wird, hat sich jedoch bisher nicht erfüllt. Zugegebener Weise war diese Hoffnung auch äußerst naiv. Insbesondere habe ich die Macht des Pöbels unterschätzt.

Aus meiner Sicht, macht es jedoch durchaus einen Unterschied, ob ein Politiker wie Gutenberg seiner Doktorarbeit aus nicht angegebenen Quellen zusammenbastelt, ein Herr Gauweiler hohe Nebeneinkünfte hat, oder eine Pastorin betrunken Auto fährt. Alles ist nicht in Ordnung und dennoch gibt es Unterschiede in der moralischen Verfehlung, insbesondere aber in ihrer Rezeption durch den Internet Pöbel, der wie die Bildzeitung die großen bunten Medienblätter mit lauten Tönen die Meinung beherrscht.

An dieser Stelle möchte ich vorausschauend einen Hinweis zu meiner Meinung geben (und wie sich gleich noch zeigen wird, ist das schon ein großer Teil des Problems: nämlich, dass man sich genötigt sehen kann, schon vorab einen Hinweis zur eigenen Meinung zu geben, um einen Angriffspunkt aus der Schusslinie zu nehmen.) Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in keinster Weise für eine elitäre Demokratie der besser Gebildeten eintrete (Edukratie oder Philsosophenstaat, wie Platon ihn sich dachte). Ich denke in einer Demokratie muss man andere Meinungen aushalten, auch wenn man sie für falsch hält.

Entscheidend an Diskussionen ist jedoch dass es zumindest eine Chance gibt, dass das bessere Argument sich durchsetzt. Oder anders gesagt: Eine Meinung wird nicht wahrer, weil sie lauter ausgesprochen wird. Nun fällt aber in letzter Zeit immer mehr auf, dass Diskussionen in den modernen Medien im Internet nach ähnlichen Schemata ablaufen. Am Anfang steht ein Sachverhalt. Z.B. die Deutsche Fußball  Nationalmannschaft singt einen Gaucho Song.

Dann kommt es zu einem kleinen Spektakel zwischen zwei verschiedenen Gruppen, die das Internet zu dominieren scheinen. Die Gutmenschen und die Anti Gutmenschen (welche nicht exakt mit der Gruppe der Hater gleichzusetzen sind, aber dazu vielleicht irgendwann einmal mehr…). Die Gutmenschen wollen eine Diktatur der Moral. Sie zeigen mit dem Finger auf jeden, der nur eine noch so kleine Verfehlung begangen hat. Im Falle des Gaucho Songs sagen sie: „Jetzt zeigt der Fussballproll sein wahres nationales Gesicht und singt stumpfe rassistische Lieder. Damit zeigt er, dass Fußball eigentlich doch nur die Verlängerung des Krieges mit anderen Mitteln ist…“. Der Gutmensch agiert zumindest zum Teil mit seinem Klarnamen. Durch das Zeigen auf den anderen will er sich symbolisch auf die Seite des Guten stellen. Er erscheint als moralisch rein. Diese Strategie geht auf, solange der Gutmensch unbedeutend bleibt. Sobald der Gutmensch selber ins Licht der Öffentlichkeit rückt, wird ihm natürlich nachgewiesen, dass er eine Affäre mit seiner unangemeldet beschäftigten Putzfrau hat, Sonntag nachmittags heimlich Pornos guckt und außerdem den Lackschaden an seinem Auto über die Haftpflichtversicherung seines besten Kumpels betrügerisch abgerechnet hat.

Der Anti-Gutmensch steigt in die Debatte ein und krakeelt: „Ihr verdammten Gutmenschen seit doch alle schwule Untermenschen mit einer Ahnengalerie aus Prostituierten. So ein bisschen Singen wird man ja wohl noch mal dürfen. Ihr ollen Spaßverderber… und so weiter und so fort“. Der Anti Gutmensch ist fast immer anonym im Internet unterwegs und trägt oft sachlich wenig zur Debatte bei. Darin ist er sich allerdings mit dem Gutmenschen einig. Beide verhindern eine sinnvolle Diskussion und beide sind aus meiner Sicht dem Pöbel zuzuordnen, welcher auf Grund seiner eigenen Denkfaulheit nach einem Weg sucht durch Gebrüll (ja, auch das geht schriftlich) dem Zwang des besseren Arguments zu entgehen.

Aktuell halte ich den Gutmenschen allerdings für den gefährlicheren Teil des Pöbels, da er dabei ist sich gesellschaftlich durchzusetzen. Kein Mensch (außer die ganz langweiligen, welche auch die gefährlichsten sind) ist in der Lage sich an absolute moralische Standards zu halten. In einem Klima, in der jede Verfehlung, insbesondere von Prominenten, in einer digitalen Steinigung (neudeutsch Shitstorm) mündet, verstecken die Menschen aber ihre wirklichen Meinungen und Bedürfnisse. Eine Demokratie braucht aber ein Klima der Offenheit. Offenheit ist nicht immer leicht zu ertragen. Manche Meinungen will man nicht hören, aber nur wenn sie ausgesprochen werden, kann man sich auch mit ihnen auseinander setzen. Aktuell gehört das Internet dem Pöbel. Die vorsichtigen Leute sagen ihre Meinung nicht und die leisen Töne lassen sich nicht so gut in Kommentare schreiben. Wie das zu ändern ist, weiß ich nicht, freue mich aber über Eure konstruktiven Vorschläge in den Kommentaren. Wer natürlich die Diskussion beenden will, der schmeiße den ersten Stein.

Be Sociable, Share!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*