Röttgen mit Blick voraus ins 19te Jahrhundert

Nachdem nun gestern eine Kürzung der Einspeisevergütung von 15% vorgestellt wurde, herrscht eine gewisse Klarheit darüber, dass sich die Bundesregierung im Bereich Energieversorgung in Deutschland eher rückwärts als vorwärts gewandt sieht. Während Röttgen sich so darum kümmert, dass Deutschland in einem der wichtigsten Zukunftsmärkte an Boden verliert propagiert Frau Merkel, dass neue Kohlekraftwerke ein Exportschlager werden könnten. Da fragt man sich dann schon, in welchem Jahrhundert wir eigentlich leben.

Zu den Plänen der Bundesregierung haben sich natürlich sofort ein paar Stimmen gebildet:

Nach Einschätzung des Bundesverbands Erneuerbare Energien e.V. (BEE) ist die Landschaft der Solarunternehmen durch diese Einschnitte real bedroht. Der BEE ist sicherlich zu den Lobbyverbänden der Solarwirtschaft zu zählen, kennt die Landschaft jedoch auch sehr gut. Daher halte ich seine Einschätzung durchaus für erwähnenswert: mehr

Eine sehr gute Zusammenstellung der aktuellen Problematik rund um die Kürzung der Förderung findet sich auf enrgynet: mehr

Auch der SPD Energieexperte und Träger des alternativen Nobelpreises Hermann Scheer sieht Arbeitsplätze in der Branche gefährdet: mehr

Während Deutschland die Solarförderung kürzt plant der Nachbarstaat Frankreich einen Ausbau der Förderung: mehr dazu von Andreas Kühl auf energynet.de

Solar: welche Rolle will Deutschland in Zukunft spielen?

Letzten Freitag ging ein Aufschrei durch die Solarbranche, als durchsickerte, dass die neue Bundesregierung die Förderung für die Einspeisung von Solarstrom eventuell im April um weitere 17% kürzen will. (z.B. Welt, Spiegel, Handelsblatt) Da werden natürlich entscheidende Fragen aufgeworfen. Der Blogger Andreas Kühn fragt auf www.energynet.de gar „Steigt Deutschland aus der Solarwirtschaft aus?„.

Und diese Frage ist sicher nicht ganz unberechtigt. Daher halte ich es für angemessen auch noch meine Meinung zu diesem Thema auszubreiten. Wie immer erachte ich es für besonders wichtig, die verschiedenen Perspektiven und Interessen in diesem Bereich zu beleuchten.

Zum einen ist da das Interesse der Stromverbraucher. Diese müssen die Förderung ja letztendlich bezahlen. In Zeiten steigender Energiepreise ist natürlich niemand glücklich darüber, wenn er mehr für seinen Strom zahlen muss als notwendig. Daher hat es die Politik in diesem Bereich leicht sich als Retter der Interessen des kleinen Mannes darzustellen. Die größten Stromverbraucher sind allerdings gewerbliche Verbraucher.

Weiterhin besteht ein starkes Interesse von größeren Firmen der Energiewirtschaft aus von diesen entwickelten und betriebenen Technologien den maximalen Profit heraus zu holen. Dabei handelt es sich vor allem um Kernkraft und Kohle als Energieträger. Diese Unternehmen sehen die gesamte erneuerbare Energien Branche bisher eher als Konkurrenz und haben daher ein gewisses Interesse an einer suboptimalen Entwicklung der Branche.

Auf der anderen Seite steht ein relativ junges Geflecht von Firmen aus dem kleineren und mittleren Größenbereich. Da gibt es die Hersteller von Solarzellen, die Installateure, die Planer und so weiter. Diese Firmen haben ein gutes Argument auf  Ihrer Seite. Dieses noch junge Geflecht zeigt, dass der Bereich erneuerbare Energien real Arbeitsplätze geschaffen hat. Viel wichtiger ist jedoch, dass dieser Markt ein Wachstumsmarkt ist und Deutschland momentan noch zu den führenden Länder in Bezug auf die Technologieentwicklung zählt.

Die dritte Interessentengruppe sind die Betreiber und Investoren von neuen Solaranlagen. Diese wollen eine möglichst hohe Förderung und möglichst niedrige Modulpreise.

Um in der Debatte mitreden zu können, muss man natürlich auch sein Verhältnis zu Fördergeldern im Allgemeinen klären. Fördergelder können helfen Branchen oder Technologien aufzubauen. Sie können aber auch dazu missbraucht werden die Gewinne der Firmeneigner zu erhöhen oder im Preiskampf Konkurrenz von einem Markt fern zu halten. Oft helfen Fördergelder eher den großen als den kleinen Firmen, da diese das Geld haben Stellen zu schaffen, die sich nur mit der Beantragung von Förderungen beschäftigen.  Gerade wenn Förderungen zum Dauerzustand werden, führen sie, polemisch gesprochen dazu, dass die Firmen dick, faul und dumm werden.

Die Einspeisevergütung im Solarbereich war daher im Vergleich zu manch anderer Förderung echt sinnvoll angelegt. Sie bot zuerst einen Anreiz eine Technologie, die noch nicht wirtschaftlich eingesetzt werden konnte, weiterzuentwickeln und ihr einen Markteintritt zu ermöglichen. Da die Förderung jedes Jahr um einen festgelegten Betrag sinkt, herrscht für alle Seiten eine weitgehende Planungssicherheit.

Die Solarunternehmen wissen seit Jahren, dass die Modulpreise deutlich sinken müssen. Dies liegt einerseits an der Förderung und andererseits an der Konkurrenz.Wirklich konkurrenzfähig ist die Solarbranche erst, wenn sie Netzparität erreicht, es sich also auch ohne Förderung lohnt Strom mit Solarzellen zu produzieren und einzuspeisen. Diesem Schritt sind wir interessanterweise durch die letzte Wirtschaftskrise bedeutend näher gekommen. Die Modulpreise fielen im letzten Jahr um bis zu 50%. Investitionsanreize sollten insofern auch mit verminderter Förderung noch vorhanden sein.

Eine über die Regelkürzung von 10% zu Jahresanfang hinaus, will die neue Bundesregierung nun die Einspeisevergütung noch deutlich mehr kürzen. Dies wird unter anderem mit der Notwendigkeit der Überförderung der Solarbranche entgegen zu treten begründet. Eine sehr hohe Kürzung der Einpreisevergütung dürfte in den Finanzplanungen der meisten Solarunternehmen nicht enthalten sein.

Die Politik wird in Deutschland mit einer radikalen Kürzung sicher einiges in der Branche kaputt machen. Andererseits gibt es auch eine Menge schwarzer Schafe, die nur aufgrund der guten Förderungen in der Branche aktiv sind. Es ist jedoch die Frage, ob die Politik nicht vor allem die Mittelständler treffen wird, die in den letzten Jahren viel Geld in KnowHow und Technologie gesteckt haben und die hochqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen haben.

Meine Einschätzung ist, dass die Energieproduktion eines der entscheidenden Geschäftsfelder der nächsten Jahrzehnte sein wird. Wir sollten in Deutschland nicht die Option verspielen, mit diesem Sektor unseren zukünftigen Wohlstand zu sichern und kurzfristigen Interessen zu opfern. Eine Abnahme der Förderung über das geplante Maß hinaus erscheint auch mir sinnvoll, allerdings würde ich der Branche mehr Planungssicherheit dabei zugestehen. Z.B. könnte man die Förderung monatlich um ein Prozent absenken und damit einen grvaierenden Einschnitt verhindern, der zukunftsfähige Unternehmen zerstören könnte.

Interessant ist noch die Einschätzung von Martin Jendrischek von cleanthinking das vor allem Arbeitsplätze in Ostdeutschland verloren gehen könnten. Gerade im Osten, von Dresden bis Fürstenwalde haben sich viele neue Solarunternehmen eingerichtet.